MENTEGRA - Das Mentoring Programm
Wie das Schokoladenmuseum Köln geflüchtete Frauen beim Berufseinstieg unterstützt. Ein Blick hinter die Kulissen des MENTEGRA-Mentoring-Programms.
Annette Imhoff ist Unternehmerin und Geschäftsführerin des Kölner Schokoladen-museums. In dem Buch »Klosterfrau – Eine Nonne erobert die Welt« entdeckt sie in Maria Clementine Martin (1775–1843) eine erstaunlich moderne Kölner Unternehmerin.
Klosterfrau kenne ich, wie vermutlich die meisten, schon seit meiner Kindheit. Der Melissengeist fehlte damals in kaum einem Haushalt, auch nicht in unserem. Doch so vertraut mir die Marke und die drei Ordensschwestern auf dem Etikett waren, so wenig wusste ich über die Frau, die dahinterstand – eine Unternehmerin, die ich mir als Schülerin gern zum Vorbild genommen hätte. Mit großer Freude habe ich deshalb das Buch „Klosterfrau – Eine Nonne erobert die Welt“ von Petra Pluwatsch und Martin Oehlen gelesen. Ehrlich gesagt hatte ich zunächst einen opulenten Jubiläumsband mit vielen schönen Bildern erwartet. Bekommen habe ich sehr viel mehr: das Porträt einer Frau, die nach dem Verlust ihres Klosters und ihrer bisherigen Lebensgrundlage nicht resignierte, sondern sich noch einmal neu erfand.
Maria Clementine Martin war Ordensfrau, Krankenpflegerin und Heilkundige. Nach der Säkularisation stand sie ohne den Schutz ihrer Gemeinschaft da. Sie versorgte Verwundete auf dem Schlachtfeld von Waterloo, erhielt dafür eine kleine Pension des preußischen Königs und gründete am Fuß des Kölner Doms ihr Unternehmen – in einer Zeit, in der Frauen wirtschaftliche Selbstständigkeit kaum zugestanden wurde.
Meine Ausgangslage war eine völlig andere. Ich bin in eine Unternehmerfamilie hineingeboren worden; mein Vater Hans Imhoff hat mir früh viel zugetraut und große Chancen eröffnet. Wie privilegiert diese Ausgangslage war, ist mir bewusst. Ich habe lange den Textildienstleister Larosé mit fast 1.000 Beschäftigten geleitet und bin nach dessen Verkauf 2016 zum Schokoladenmuseum zurückgekehrt. Umso mehr beeindruckt mich, wie Maria Clementine Martin unter vollkommen anderen Bedingungen aus ihrem Wissen ein Unternehmen schuf. Als Unternehmerin hat mich beim Lesen besonders interessiert, wie sie mit ihrem Produkt umging. Melissenwasser und klösterliches Heilwissen waren nicht neu. Maria Clementine Martin machte daraus dennoch ein unverwechselbares Angebot: mit verlässlicher Qualität, klarer Herkunft und einem Versprechen von Hilfe im Alltag. Sie verkaufte nicht einfach eine hochprozentige Kräutermischung. Sie verkaufte Vertrauen.
Dabei musste ich natürlich an Schokolade denken. Auch ihre Herstellung ist im Grunde kein Geheimnis; das besondere Wissen steckt in den Details, etwa in der genauen Steuerung der Temperatur und der Dauer des Conchierens. So verschieden Schokolade und Melissengeist sind, die unternehmerische Aufgabe ist ähnlich: Aus Wissen muss verlässliche Qualität werden – und aus Qualität Vertrauen.
Dieses Vertrauen überließ Maria Clementine Martin nicht dem Zufall. Sie führte das Kloster im Firmennamen weiter, erwirkte die Erlaubnis, das preußische Wappen als Gütesiegel zu verwenden, ließ ihre Marke früh registrieren und dachte mit Verkaufsstellen in Bonn, Aachen und Berlin über Köln hinaus. Und sie war streitbar. Wo Nachahmer ihren Erfolg ausnutzen wollten, setzte sie sich zur Wehr. Sie wusste: Eine gute Idee allein genügt nicht. Man muss für ihre Qualität einstehen, einen langen Atem haben – und darüber sprechen.
Hier erkenne ich einen Gedanken wieder, der mich selbst begleitet: „Das Gute besser machen.“ Im Schokoladenmuseum beschäftigen wir uns mit einem Produkt, das fast jeder kennt und mit Erinnerungen verbindet. Gerade deshalb dürfen wir uns auf seiner Beliebtheit nicht ausruhen. Wir müssen seine Geschichte immer wieder neu erzählen, unser Haus weiterentwickeln und unserem Publikum gute Gründe geben wiederzukommen. Tradition bleibt nur lebendig, wenn sie nicht als Ruhekissen dient.
Dauerhaftes entsteht allerdings nie allein. Meine Laufbahn wäre so nicht möglich gewesen, wenn mein Mann und ich die Verantwortung für unsere Kinder nicht geteilt hätten; später führten wir Larosé und das Schokoladenmuseum gemeinsam. Auch Maria Clementine Martin wusste, wem sie Verantwortung zutrauen konnte. Ihren Betrieb vermachte sie ihrem jungen Assistenten Peter Gustav Schaeben, der das Unternehmen fortführte. Darin liegt für mich eine weitere kluge Entscheidung: Wer etwas über die eigene Zeit hinaus schaffen will, braucht Menschen, die ergänzen, widersprechen und Verantwortung übernehmen.
Die Geschichte von Maria Clementine Martin ist bis heute ermutigend. Sie stellte die Ordnung ihrer Zeit nicht mit großen Worten infrage, sondern durch ihr Handeln. Sie wartete nicht darauf, dass ihr jemand Gleichberechtigung zugestand. Sie schuf Tatsachen. Wie außergewöhnlich ihr Erfolg unter den damaligen Bedingungen war, darf man dabei nicht vergessen. Vorbilder allein beseitigen keine gläsernen Decken. Aber sie erweitern unsere Vorstellung davon, was möglich ist. Umso wichtiger ist es, diese Frau aus dem Schatten ihrer eigenen Marke hervorzuholen.
Beide Geschichten weisen zudem über den unmittelbaren Geschäftserfolg hinaus. Das Schokoladenmuseum erwirtschaftet seine Investitionen selbst und zahlt Miete an die gemeinnützige Imhoff Stiftung, der die Immobilie gehört. Mit diesen Mitteln fördert die Stiftung Projekte in Köln. Die Klosterfrau Group ihrerseits befindet sich im Besitz der Wilhelm-Doerenkamp-Stiftung in der Schweiz. Wirtschaftlicher Erfolg ist in beiden Fällen nicht nur Selbstzweck – das gefällt mir.
Petra Pluwatsch und Martin Oehlen erzählen diese Geschichte lebendig und historisch fundiert. Mehr als 150 Abbildungen, viele davon bislang unveröffentlicht, machen den Band zur Wirtschafts- und Stadtgeschichte, zu einem Kapitel der Medizin und der Emanzipation – und zu einem außergewöhnlich schönen Buch über eine weltberühmte Marke, deren Gründerin fast vergessen war.
Dieses Buch ist kein Wirtschaftsratgeber, und doch erzählt es sehr viel darüber, was Unternehmertum im besten Sinne sein kann: genau hinsehen, eine Chance erkennen, für Qualität einstehen, Widerstände aushalten und Verantwortung über die eigene Zeit hinaus übernehmen. Maria Clementine Martin hat all das vor 200 Jahren getan. Schön, dass ich sie nun kennenlernen durfte – als Kölner Unternehmerin und als Partnerin im Geiste.