Asterix bei den Azteken

Kakao im alten Rom?

Völlerei, Heilmittel oder gar tödliches Speiseeis? Wer wissen will, wie die Menschen früher über Schokolade dachten, muss in sehr alte Schriften schauen. Im Herbst 2025 tauchten wir tief in die Geschichte ab und forschten in einem gemeinsamen Projekt mit dem Institut für Altertumskunde der Universität Köln zu den Ursprüngen des Kakaos – ein Vorhaben, das vom Schokoladenmuseum finanziert wurde. Zusammen haben wir echte Detektivarbeit geleistet und Texte übersetzt, die jahrhundertelang kaum jemand lesen konnte. Olaf Vortmann, unser Museumspädagoge, nimmt euch mit auf eine Spurensuche zwischen antiken Bibliotheken und modernen Vitrinen…

Asterix bei den Azteken - Nein oder?
Es tut uns leid, dieses Asterix-Heft gibt es leider nicht. Aber wir haben uns ein wenig so gefühlt, weil wir sehr tief in lateinische Texte eintauchen mussten. Wie kommt man im Schokoladenmuseum dazu, lateinische Texte zu untersuchen? Gab es im “alten Rom” etwa doch schon Schokolade? Das wäre eine Sensation! Die Antwort bleibt aber auch hier - nein! Der Kakao erreichte Europa erst in der frühen Neuzeit und seine Heimat ist der amerikanische Kontinent, deshalb die Azteken im Titel. Warum dann aber lateinische Texte?  

Von der Neuen Welt in die Vitrine
Wir haben in den letzten Jahren unsere Ausstellung neugestaltet. Ein sehr schöner Bereich unseres Museums beschäftigt sich mit der Kulturgeschichte der Schokolade. Hier zeichnen wir anhand von vielen originalen Exponaten den Weg nach, den Kakao und Schokolade in der Welt genommen haben. Von den Anfängen in Amerika, über den ersten Kontakt mit Europa bis hinein in die Industrialisierung mit beginnender Massenproduktion. 

Heilmittel, Sünde oder Aphrodisiakum?

Bei der Planung der Ausstellung sind viele spannende Fragen aufgetaucht. In welchen Schriften finden sich historische Schokoladenrezepte? Was hat man eigentlich über Schokolade gedacht, als sie nach Europa gekommen ist? Welche Art von Schriften wurden überhaupt über dieses Thema verfasst? Wenn man diesen Spuren folgt, kommt man schnell dahinter, dass es eine große medizinische Debatte über Schokolade gab. Kann Schokolade als Heilmittel verwendet werden, oder ist sie gar giftig? 

Theologen wiederum interessierten sich brennend für die Frage, ob denn Schokolade in den vorgeschriebenen Fastenzeiten erlaubt ist oder verboten? Dazu finden sich Versuche einer ersten botanischen Einordnung und immer wieder Moral! Moral? Ja, denn man sagte der Schokolade eine belebende Wirkung nach, auch was den Sexualtrieb angeht. Also Vorsicht, Kinderschokolade scheint hier anders gemeint zu sein! Nach dem Genuss von Schokolade soll es zu lange ersehnten Schwangerschaften gekommen sein, weiß man zu berichtet. Und stellt ihr Genuss nicht grundsätzlich eine Form von Völlerei dar - eine Todsünde! 

Latein: Die Sprache der Schokoladen-Wissenschaft

Wo finden sich solche aus heutiger Sicht kuriosen Details? Sucht man historische Schriften gezielt in Bibliotheken, dann haben sie fast immer eine Gemeinsamkeit – sie wurden in lateinischer Sprache verfasst. Wer die lateinische Sprache nur mit dem alten Rom in Verbindung bringt, vergisst etwas sehr Wichtiges. 
Bis in die Neuzeit hinein bleib das Lateinische die Sprache aller europäischen Universitäten. Egal, ob wir uns im späten Mittelalter befinden, in der Renaissance oder in der Zeit der Aufklärung, wer einen wissenschaftlichen Fachtext lesen möchte, sollte eine Sprache beherrschen – Latein. 

Detektivarbeit zwischen Uni und Museum

Zumindest für wirklich fast alle theologischen oder auch medizinischen Texte dieser Epochen gilt diese Regel. Sie sind aber nicht einfach zu lesen, es sei denn, man ist ein Profi für die lateinische Sprache. Die haben wir aber nicht in unserem Museum und so kam es zu einer überaus spannenden und für uns sehr gewinnbringenden Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln oder genauer mit dem Institut für Altertumskunde. Hier sitzen genau die Profis, die wir brauchten. In der Projektbeschreibung heißt es etwas sperrig: “Ziel des Projekts ist die Auffindung, Übersetzung und Kommentierung lateinischer Quellentexte zur Geschichte von Kakao und Schokolade, insbesondere mit Blick auf Mexiko und ihre Rezeption im frühneuzeitlichen Europa.” Hört sich nicht so spannend an? Von wegen! 

Moschus-Drink und die Gefahr von Schokoladeneis

Viele der gefundenen Texte existierten nicht in einer deutschen Übersetzung und mussten daher überhaupt zum ersten Mal ins Deutsche übertragen werden. Es scheint so, als hätte diese Detektivarbeit Spaß gemacht, denn es wurden immer mehr Texte mit wirklich faszinierenden Inhalten zusammengetragen. Historische Rezepte für Schokolade sind da noch das Langweiligste, auch wenn einem aus heutiger Sicht doch einiges nicht so lecker vorkommt. Was hältst du zum Beispiel von mit Moschus aromatisierter Trinkschokolade? 
Viel spannender sind dagegen die medizinischen Texte. Da wird zum Beispiel mit vollem Ernst vor dem Verzehr von Schokoladeneis gewarnt, denn dieser könne “plötzliche Todesfälle” verursachen. Scheint sich als Fachmeinung nicht durchgesetzt zu haben. Es gibt aber auch viel Positives zu berichten. Diverseste Leiden können durch den Genuss von Schokolade geheilt werden, so die Einschätzung. 

Warum wir heute noch wie damals denken

Es wäre jetzt aber falsch, diese Schriften nur als Kuriositäten aus lange vergangener Zeit zu lesen. Ohne Bedeutung für heute, denn wünschen wir uns nicht heimlich immer noch, dass Schokolade gesund wäre? Halten wir sie nicht immer noch für eine kleine, aber verzeihbare Sünde? Und wieso fasten viele Menschen eigentlich ausgerechnet Süßigkeiten? Viele unserer Vorstellungen sind älter, als man denkt! Und deshalb muss man eben manchmal in lateinischen Texten nachsehen. Oder ins Schokoladenmuseum kommen und sich unsere neue kulturgeschichtliche Ausstellung “Zeitreise des Kakaos” ansehen.

Falls dich das Thema tiefer gehend interessiert, ist hier der noch der Link zu einem Artikel über das Projekt aus der Herder Korrespondenz:
“Von Adam gebracht - Wie sich das Christentum den Kakao aneignete”: Zum Artikel 

Manchmal führt unsere tägliche Forschungsarbeit zu ziemlich spannenden Ergebnissen – und manchmal inspiriert sie sogar die Presse!

Der bekannte Historiker und WELT-Journalist Berthold Seewald ist auf unser aktuelles Forschungsprojekt aufmerksam geworden. Das Ergebnis? Ein faszinierender Artikel über die Geschichte der Schokolade, der mit so einigen Mythen aufräumt: Zum Artikel

Dieser Beitrag wurde verfasst von:

Ich heiße Olaf und arbeite seit 2002 für das Schokoladenmuseum. Als Museumspädagoge bin ich für unsere Führungen und Verkostungen verantwortlich. Das ist ganz praktisch, weil ich mir ein Leben ohne Schokolade nur sehr schwer vorstellen kann. Mein Jahresverbrauch bleibt aber geheim!

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