Annette Imhoff: Sie steckt hinter dem riesigen Erfolg des Kölner Schokoladenmuseums
Von Hendrik Geisler: Erschienen im Kölner Stadt-Anzeiger vom 29.12.2025
Seit zehn Jahren führt Annette Imhoff das Kölner Schokoladenmuseum ihrer Familie. Offen wie nie spricht sie jetzt über den Erfolg und Zahlen.
„Entschuldigung“, sagt der groß gewachsene junge Mann, der einen weißen Kittel trägt und dessen Aufgabe es ist, Waffeln in die flüssige Schokolade des Schokoladenbrunnens zu tunken und den Besuchern des Kölner Schokoladenmuseums für den Verzehr zu reichen. „Entschuldigung“, sagt er und richtet seine Worte an Annette Imhoff, „ich weiß nicht, ob Sie das dürfen.“ Annette Imhoff ist gerade hinter die Absperrung getreten und posiert neben dem Brunnen für das Foto, das im „Kölner Stadt-Anzeiger“ erscheinen soll. Klar darf sie das, das ist ihr Schokoladenmuseum. „Ich bin die Geschäftsführerin“, sagt sie, und als der Mann verunsichert lächelt, lächelt sie auch und sagt: „Macht nichts.“
Eine Weile später sitzt Imhoff an ihrem Schreibtisch im Obergeschoss. Hinter einer Glastür hat sie ein schlichtes Büro mit Platz für zwei, drei Besucher. Der Blick von der Nordspitze des Rheinauhafens über den Fluss nach Deutz ist hier spektakulär. Sie spricht darüber, wie sie ihr Unternehmen führt. Sie habe ein klares Verständnis davon, wer welche Aufgabe hat, sagt sie. Da unterscheide sie sich von ihrem Vater. „Ich glaube, jeder muss ersetzlich sein.“
Ihr Vater war der „Kölner Schokoladenkönig“
Annette Imhoff ist die Tochter von Hans Imhoff. Er war der erste Schokoladenfabrikant im Nachkriegsdeutschland, übernahm 1972 den Schokoriesen Stollwerck, baute ein Schokoimperium auf und gegen Widerstände das Schokoladenmuseum. Bei seinem Tod im Jahr 2007 war Hans Imhoff Ehrenbürger der Stadt Köln und wird bis heute „Kölner Schokoladenkönig“ genannt.
Der Vater nimmt in Annette Imhoffs Karriere eine wichtige Rolle ein. Doch sie, die heute selbst zwei erwachsene Töchter hat, ist längst aus seinem Schatten getreten. Sie führt seit zehn Jahren das Schokoladenmuseum ihrer Familie, und sie hat es im Gespann mit ihrem Ehemann Christian Unterberg-Imhoff aus einem Dornröschenschlaf geweckt.
In zehn Jahren hat sie die Umsatzerlöse mehr als verdoppelt. Nie zuvor hat sie so offen darüber gesprochen wie mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: 2015, im Jahr, bevor sie das Ruder übernahm, konnte das Museum sechs Millionen Euro Umsatz verbuchen. Vier Jahre später waren es 8,5 Millionen Euro. Schon 2022, im ersten Jahr nach der Corona-Delle, sind es wieder so viel. Im vergangenen Jahr wurden 12,5 Millionen Euro umgesetzt. Dieses Jahr wird mit etwa 13,5 Millionen Euro Umsatz beendet, verrät Imhoff. Das umfasst nur den Museumsbetrieb mit seinen 115 Beschäftigten – Café und Gastronomie sind in eigene Gesellschaften ausgelagert. Zu schaffen machten die Personalkosten, die mit den Steigerungen im Mindestlohnbereich „ein wirklicher großer Kostenfaktor geworden“ seien. Aber ja, der Museumsbetrieb sei profitabel.
Das Schokoladenmuseum ist das meistbesuchte Museum in NRW
Aber es gibt noch eine Zahl, die unbestreitbar vom Erfolg zeugt: 706.000 Besucherinnen und Besucher kamen im Jahr 2024, nie zuvor waren es mehr. Das Schokoladenmuseum ist das meistbesuchte Museum in NRW. Im vergangenen Jahr zog das Haus 60.000 Menschen mehr an als die zehn Museen der Stadt Köln zusammen. Knapp zwei Wochen vor Jahresende zeichnet sich ab, dass die gerade ein Jahr alte Rekordmarke 2025 knapp übertroffen werden könnte, sagt Annette Imhoff.
Sieht sie sich selbst als erfolgreiche Unternehmerin? Sie zögert. „Ja, vielleicht kann man das so sagen“, sagt sie schließlich. „Ich habe das, glaube ich, ganz gut gemacht.“ Wobei ihrer Mutter Bescheidenheit und Bodenständigkeit wichtig gewesen seien. „Sich seines Glückes bewusst zu sein, das man hatte. Und ich habe schon sehr viel Glück gehabt.“
Man kann es Glück nennen, wenn der Vater der Kölner Schokoladenkönig ist. Das Wort „unbeschwert“ fällt einem nicht ein, wenn man mit Annette Imhoff über ihre Kindheit spricht. Sie sagt, diese sei durch schwierige Zeiten geprägt gewesen. Mitte der 1970er Jahre, ihr Vater hat vor ein paar Jahren Stollwerck gekauft, besucht sie die Grundschule, und die Rote Armee Fraktion verbreitet Angst und Schrecken. „Damals gab es als Tochter eines Industriellen immer die Gefahr, entführt zu werden“, sagt sie. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer sei direkt vor dem Haus ihrer besten Freundin in Braunsfeld entführt worden. „Wir durften nicht alleine mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Schule gehen“, erinnert sie sich. „Manchmal habe ich mir gewünscht, mein Papa wäre nicht bekannt und zum Beispiel Postbote. Oder Beamter.“
In der Woche sehen die Kinder ihn kaum. „Mein Vater war gefühlt fast nie da“, sagt Imhoff. Und wenn doch, mussten die Kinder am Essenstisch still sein. „Mein Vater erzählte dann – vom Unternehmen, von Kakaopreisen und was er von wem hielt. Das wusste ich damals ganz genau.“ Er habe sie früh gedrängt, ins Unternehmen zu kommen, sagt Annette Imhoff, doch sie habe sich massiv dagegen gewehrt. „Vielleicht hat mein Vater in mir etwas gesehen, aber ich war für ihn auch ein Strohhalm, den er noch greifen konnte.“ Alle Versuche von Hans Imhoff, sich einen Nachfolger im Unternehmen aufzubauen, scheitern. Wie ihr Vater tickte, sagt Imhoff, konnte das auch nicht funktionieren. „Das hätte ja eine Kopie von ihm selbst sein müssen.“